RUHE
Ruhe ist nicht das Gegenteil von Leben.
Sie ist der Moment,
in dem nichts sofort etwas aus dir machen will.
Kein Zug nach vorne.
Kein Griff nach innen.
Kein Beweis,
dass du angekommen bist.
Nur ein Feld,
das nicht drängt.
Ruhe beginnt dort, wo nichts sofort zieht.
Nicht in eine Antwort.
Nicht in eine Erklärung.
Nicht in ein besseres Bild von dir.
Nicht in die nächste Bewegung.
Für einen Moment gibt es keinen inneren Pfeil.
Etwas darf da sein,
ohne gleich Richtung zu werden.
Für einen Moment:
Wo zieht es sonst sofort?
Nach vorne?
In den Kopf?
Zur Kontrolle?
Zur Antwort?
Aus dem Körper heraus?
Und gibt es gerade eine kleine Stelle,
die nicht zieht?
Nicht suchen. Nur merken, ob irgendwo kein Zug ist.
Ruhe fühlt sich manchmal an wie eine Fläche.
Nicht leer.
Nicht tot.
Nicht fern.
Eher breit.
Tragend.
Unaufgeregt.
Als wäre der Moment nicht mehr ein Punkt,
an dem alles hängen bleibt,
sondern eine Fläche,
auf der etwas liegen darf.
Der Moment wird nicht unbedingt leichter. Er wird weniger schmal.
Etwas darf da sein, ohne sofort weitergezogen zu werden.
Ruhe braucht nicht, dass alles verschwindet.
Ein innerer Raum öffnet sich, ohne dich zu einer Haltung zu machen.
Ruhe bedeutet nicht, dass du aus dem Moment gehst.
Du bleibst.
Mit Körper.
Mit Geräuschen.
Mit offenen Dingen.
Mit dem,
was noch nicht gelöst ist.
Nur der innere Griff wird nicht sofort stärker.
Ruhe muss nicht ruhig aussehen.
Außen kann weiter Bewegung sein.
Innen kann noch etwas offen sein.
Und trotzdem gibt es einen Bereich,
der nicht sofort mitgerissen wird.
Nicht als Kontrolle.
Nicht als Abstand vom Leben.
Eher als stille Weite,
in der nichts sofort beweisen muss,
dass es richtig ist.
Ruhe ist keine Leistung.
Nicht etwas,
das du herstellen musst.
Nicht ein Zustand,
den du halten sollst.
Nicht ein Beweis,
dass du weiter bist.
Wenn Ruhe kommt,
kommt sie oft leise.
Als ein Moment,
in dem dein inneres System
nicht sofort aus dir etwas machen will.
„Alles ist gut.“
Vielleicht ist Ruhe:
„Es muss gerade nichts aus mir werden.“
Zwischen Druck und Rückzug liegt ein ruhiges Feld.
Dort musst du nicht funktionieren.
Dort musst du nicht verschwinden.
Dort musst du nicht besonders gelassen sein.
Dort wird nur sichtbar:
Da ist etwas.
Da bist du.
Und da ist ein Stück Raum,
das gerade nichts fordert.
Vielleicht ist diese Ruhe nicht groß.
Vielleicht nur eine Stelle im Körper,
die einen Moment nicht gegenhalten muss.
Eine Schulter.
Ein Blick.
Eine kleine Fläche hinter dem Atem.
Ein Stück Boden unter dir.
Ruhe muss nicht bleiben. Sie darf kurz bemerkbar werden.
Wo ist gerade ein kleines Feld, das nichts fordert?
Nicht um dort zu bleiben.
Nicht um den Rest wegzumachen.
Sondern um zu merken,
dass nicht jeder innere Raum ziehen muss.
Vielleicht ist da noch Druck.
Vielleicht noch Bewegung.
Vielleicht noch ein offener Satz.
Und trotzdem:
irgendwo nichts,
das sofort etwas aus dir machen will.
Etwas davon darf hierbleiben.
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