LOSLASSEN
Loslassen ist nicht immer fallen lassen.
Manchmal bleibt das,
was du hältst,
noch da.
Nur die Hand merkt langsam,
wie fest sie geworden ist.
Eine Hand kann lange halten, ohne es noch zu merken.
Einen Gedanken.
Einen Menschen.
Einen alten Satz.
Eine Erwartung.
Eine Version von dir,
die einmal Sicherheit gegeben hat.
Außen sieht man vielleicht nichts.
Innen bleibt etwas geschlossen.
Für einen Moment:
Wo fühlt sich etwas an wie eine geschlossene Hand?
Im Kiefer?
Im Bauch?
In der Brust?
In den Schultern?
In einem Gedanken,
der immer wieder zurückkommt?
Nicht öffnen. Nur die Hand finden.
Manchmal weißt du gar nicht mehr, was genau du hältst.
Nur dass es nicht weg darf.
Ein Bild.
Eine Hoffnung.
Eine alte Erklärung.
Ein Schmerz,
der wenigstens vertraut geworden ist.
Und vielleicht auch die Angst:
Wenn ich loslasse,
verliere ich alles.
Der Griff wird oft stärker, wenn Verlust möglich wirkt.
Dann wird aus Berührung eine Faust.
Der Körper hält.
Der Blick hält.
Die Erinnerung hält.
Der innere Satz hält.
Nicht weil du falsch bist.
Sondern weil ein Teil in dir glaubt,
dass Festhalten Sicherheit bedeutet.
Vielleicht hältst du nicht nur etwas fest.
Vielleicht hältst du dich an etwas fest.
An einer Gewissheit.
An einem Ausgang.
An einer Person.
An einem alten Bild,
das nicht mehr ganz in den Moment passt.
Irgendwann wird Halten müde.
Nicht plötzlich.
Nicht dramatisch.
Eher wie Finger,
die lange um etwas lagen.
Die Kraft ist noch da.
Aber sie kostet.
Der Körper merkt:
Dieses Halten braucht Raum.
Nicht noch mehr Kraft.
Für einen Moment:
Wo kostet dich Halten gerade Kraft?
Und gibt es dort einen Millimeter,
in dem nicht mehr gedrückt werden muss?
Ein Millimeter ist kein Aufgeben.
Vielleicht bedeutet Loslassen nicht, nichts mehr zu berühren.
Vielleicht bedeutet es,
anders zu berühren.
Nicht werfen.
Nicht schneiden.
Nicht sofort frei sein.
Nur:
Die Hand wird weicher.
Der Griff wird weniger ganz.
Der Gegenstand darf wieder Gegenstand sein.
Nicht mehr dein ganzer Halt.
Loslassen wird sichtbar, wenn der Griff nicht mehr alles sein muss.
Nicht erzwingen. Nicht wegwerfen. Erst bemerken, wie du gerade hältst.
Etwas in dir bleibt geschlossen, obwohl außen nichts festgehalten wird.
Berührung wird enger, sobald Verlust möglich wirkt.
Der Körper merkt, wie viel Kraft ständiges Halten kostet.
Der Griff wird weicher, ohne dass alles verschwinden muss.
Zwischen Festhalten und Verlieren liegt eine andere Berührung.
Dort muss nichts fallen.
Dort muss nichts bewiesen werden.
Dort muss nicht sofort Frieden sein.
Dort wird nur unterscheidbar:
Da ist, was gehalten wurde.
Da ist die Hand,
die müde geworden ist.
Und da ist ein kleiner Raum,
in dem Berührung nicht mehr Klammer sein muss.
Was hält deine innere Hand gerade?
Nicht um es sofort zu lösen.
Nicht um es wegzuwerfen.
Sondern um zu merken,
wie sich Halten anfühlt.
Vielleicht ist da noch etwas Wichtiges.
Vielleicht etwas Altes.
Vielleicht etwas,
das nicht mehr mit derselben Kraft gehalten werden muss.
Manchmal beginnt Loslassen,
wenn die Hand nicht mehr ganz so allein halten muss.